Olivier David: Von der namenlosen Menge

(Rezensionsexemplar)

„Es gibt Wahrheiten, die lassen sich nicht literarisieren, und diese Wahrheit ist eine solche. Mein eigener Körper und die Körper meiner Familie, Freunde, Nachbarn und ehemaligen Arbeitskollegen bezahlen mit ihrer Gesundheit den Fortschritt und Wohlstand höherer gesellschaftlicher Klassen.“ – In diesem Essayband bekommen wir einen tief bewegenden Einblick in die Welt der namenlosen Menge.
 
David widmet sich hier den Menschen, die im Schatten der Gesellschaft leben: den Nachtarbeitenden, den körperlich Gezeichneten, den Vergessenen – der untern Klasse. Mit großer Einfühlsamkeit und einer herzzerreißenden Wut gibt David diesen Menschen eine Stimme und beleuchtet dabei auch seine eigene Verbindung zu dieser Welt. Er beschreibt eine unerbittliche Realität: die harte, körperliche Arbeit, die den Schultern der Armen aufgebürdet wird. Die untere Klasse zahlt mit ihrer Gesundheit für den Fortschritt und Wohlstand der höheren gesellschaftlichen Schichten. So erklärt er, dass die unteren Klassen früher sterben und für die Reichen ausgebeutet werden. Ja, er beleuchtet intensiv das Zusammenspiel von Armut, Körper, Psyche und Klasse sowie deren Vernachlässigung durch die Machteliten. Eindrücklich verdeutlicht er, wie stark Klassenunterschiede sowohl sein eigenes Leben als auch das Leben jener prägen, die er „seine Leute“ nennt.

In sehr persönlichen, wütenden und zugleich einfühlsamen Essays schreibt David über innere Migration und das Fremdsein. Er zeigt, dass die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nicht nur individueller Natur ist, sondern stark von Klassenunterschieden geprägt wird. So erweist sich beispielsweise die Rekonstruktion der Familiengeschichte in der unteren Klasse als schwieriger, da oft Informationen über die Großeltern und Urgroßeltern fehlen und nicht vererbt werden – es gibt Lücken in der überlieferten Familiengeschichte.

Der Anfang des Buches ist unglaublich gut und auch spannend. Viele Stellen habe ich markiert, weil sie mich tief bewegt haben. Ja, ich habe „Von der namenlosen Menge“ sehr gerne gelesen und immer wieder zustimmend genickt. Davids Essays sind analytisch und zugleich von seinen eigenen Erfahrungen durchdrungen. Besonders mochte ich, wie er die Werke anderer Schriftsteller*innen integriert, die er sowohl kritisiert als auch lobt und wie er Gesundheit mit Armut in Verbindung gebracht hat. Davids Essayband ist ein kraftvolles Werk, das die Stimmen der Vergessenen hörbar macht. Ein Buch, das lange nachhallt und zum Nachdenken anregt.