Alia Trabucco Zerán: Mein Name ist Estela

(Rezensionsexemplar)

Übersetzung: Benjamin Loy
 
„Das Mädchen stirbt. Haben Sie das jetzt verstanden? Das Mädchen stirbt, und es bleibt tot, egal wo ich auch anfange.“
 
Hier tauchen wir ein in eine Welt, die von Klassenunterschieden geprägt ist, und menschliche Abgründe offenbart. Der Roman führt uns in die beklemmende Welt der Haushälterin Estela, deren monotoner Alltag im Dienst eines wohlhabenden Hauses beschrieben wird. Die Protagonistin ist mehr als nur eine Dienstleisterin – sie ist eine Figur der Einsamkeit und Entfremdung. Tag für Tag arbeitet sie in einem wohlhabenden Haushalt, gefangen in der Monotonie eines perspektivlosen Daseins. Stumpf und ohne Abwechslung vergehen die Tage, sieben Jahre lang, ohne dass Estela je ihre Mutter besucht oder nach Hause fährt. Eine Aura der Eintönigkeit umgibt sie, während gleichzeitig ein Mädchen heranwächst, das mit der rigiden Autorität seines Vaters und den hohen Erwartungen seiner Mutter ringt.
Die Beziehung zwischen Haushälterin und dem widerspenstigen Mädchen entwickelt sich zu einer ambivalenten Hassliebe, welche die Komplexität der sozialen Hierarchien widerspiegelt, die von den Autoritäten geprägt sind. Unglücklich ist das Mädchen, ja, das sieht man sofort. So nimmt der Roman seinen Lauf und führt uns durch das Leben des Mädchens, das schließlich stirbt – ein Fakt, der von Anfang an bekannt ist. Die Haushälterin wird nach dem Tod befragt, und die Geschichte entfaltet sich im Befragungszimmer, ohne direkte Gesprächspartner*innen. Sie spricht mit sich selbst und enthüllt Stück für Stück die Geschichte, die wir vor uns liegen haben. 

Besonders beeindruckend fand ich den direkten, ungeschönte Schreibstil, mit dem die Autorin Estelas Gedanken und Gefühle einfängt, die rau und ehrlich dargestellt werden. Durch die kühle Atmosphäre, die den Roman durchzieht, verleiht sie der Erzählung eine mysteriöse und fast mystische Qualität. Die Drastik ihrer Beschreibungen hat mich unmittelbar getroffen und lässt die Figuren lebendig werden. Jede Figur in diesem Buch hat ihre Macken und Eigenarten, die sie menschlich und zugleich zutiefst verletzlich erscheinen lassen. Besonders ist, wie die Autorin aufzeigt, wie stark Klassenunterschiede zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen und das Leben der Charaktere prägen. Dabei bleibt sie stets nahe an den Emotionen und Gedanken ihrer Protagonistin, ohne sie zu verurteilen oder zu idealisieren. Dieses Buch werde ich nicht so schnell vergessen. Die Kälte, die in den Worten Estelas mitschwingt, hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Zeráns Werk ist ein eindringliches Zeugnis über Isolation, soziale Schranken und die unerwarteten Bindungen, die zwischen Menschen entstehen können. Toll!