(Rezensionsexemplar)
„Jolanta Maria Szczerbic begriff, dass sie ein Mensch war, der Fehler machte, und dass Menschen auf der Erde waren, um Fehler zu machen und diese einzusehen und aus ihnen zu lernen. Konnte es sein, dass all die Jahre in Deutschland ihr diese Selbstverständlichkeit abtrainiert hatten? Dass der Perfektionismus und die Ungnade gegenüber Fehlern hierzulande auf sie abgefärbt hatten?“
Was war das bitte für ein tiefgründiges und ergreifendes Buch? Es beschäftigt sich mit den Themen Einsamkeit, Ausbeutung, harte Arbeitsbedingungen, Anerkennung, Verlorenheit, Freundschaft, Selbstfindung und Hoffnung – Ja, insbesondere im Kontext polnischer Pflegearbeiterinnen und deren schlechten Arbeitsbedingungen. Die Geschichte dreht sich um Jola, eine alleinerziehende Mutter aus Polen, die von ihrer Familie und dem Vater ihres Kindes verlassen wurde. Um Geld zu verdienen und ihre Tochter zu unterstützen, pendelt Jola zwischen Polen und Deutschland, wo sie als Altenpflegerin arbeitet.
Raben beschreibt eindrucksvoll Jolas herausfordernden Alltag in Deutschland. Sie schildert die harten Arbeitsbedingungen, die Ausbeutung und die unmöglichen Anforderungen, denen Jola sich stellen muss. Jolas Erlebnisse sind oft erschütternd und kaum zu glauben. Mit der Zeit lernt Jola, sich anzupassen, ihre eigenen Bedürfnisse hintanzustellen und den Herausforderungen mit stiller Stärke zu begegnen – bis zu dem Moment, an dem ihre Kräfte schwinden und sie in völlige Erschöpfung hüllt.
Das Buch ist in zwei miteinander verflochtenen Zeitebenen erzählt. Jola berichtet aus der Gegenwart und blickt dabei immer wieder auf ihre Vergangenheit zurück, hängt Gedanken nach und erzählt ihre Geschichte. So erfahren wir von Jolas harten Kämpfen, ihren schmerzlichen Erfahrungen und Erlebnissen, die ihren Überlebenswillen prägen. In der Gegenwart scheint sie endlich ihren Platz gefunden zu haben. Sie arbeitet für eine Familie, die sie gut behandelt und fair bezahlt. Diese neue Umgebung gibt ihr Hoffnung und einen Hauch von Glück. Doch wird dieses Glück anhalten? Wird Jola von Uschi, der neuen zu Pflegenden, enttäuscht werden, oder entwickelt sich zwischen ihnen vielleicht sogar eine Freundschaft?
„Unter Dojczen“ ist ein bemerkenswertes Buch, das durch seine Tiefgründigkeit und harte Realität beeindruckt. Die Themen, die Raben behandelt, sind wichtig und relevant. Besonders gern mochte ich die Beschreibungen der deutschen Eigenarten aus Jolas Perspektive, die oft mit einer Prise Humor versehen sind. Jola ist eine vielschichtige und sympathische Protagonistin, deren Gedankengänge und Gefühle nachvollziehbar und bewegend sind. Das Buch gibt einen umfassenden Einblick in Jolas Leben, beginnend bei ihrer Schwangerschaft bis hin zu ihrem gegenwärtigen Alltag. Es zeigt ein Leben voller Herausforderungen, aber auch voller Hoffnung und kleinen Glücksmomenten. Diese Mischung aus Melancholie und Hoffnung macht dieses Buch zu einem unvergesslichen Leseerlebnis. Ein beeindruckendes Werk, das zum Nachdenken anregt und einen bleibenden Eindruck hinterlässt.


